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Die Marathon-Bilanz 2019: Das beste Jahr aller Zeiten

Das Marathon-Jahr 2019 war das international leistungsstärkste in der langen Geschichte des Laufes über die klassischen 42,195 km. Somit wurde sogar das außergewöhnliche Jahr 2018 noch übertrumpft.

Brigid Kosgei lief in Chicago als erste Frau unter 2:15 Stunden. Foto: Bank of America Chicago Marathon

Eliud Kipchoge durchbrach in Wien die Zwei-Stunden-Barriere. Foto: Vienna City Marathon / Michael Gruber

Hendrik Pfeiffer ist einer der wenigen deutschen Läufer, denen man zutrauen kann, noch die Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden zu unterbieten. Ob dies dann auch für einen Startplatz reichen würde, ist jedoch nicht sicher. Foto: www.photorun.net

Melat Kejeta war 2019 auf Anhieb die drittschnellste Marathonläuferin Europas. Foto: SCC Events / Norbert Wilhelmi

Im Männer-Marathon blieben in den vergangenen zwölf Monaten vier Läufer unter 2:03 Stunden, fünf weitere erzielten Ergebnisse von unter 2:04 - beide Werte sind einmalig. 2019 gab es insgesamt 17 Zeiten unter 2:05 Stunden. Das ist genau die Zahl, die auch 2018 erreicht wurde. Unter den 20 schnellsten je gelaufenen Zeiten ist jetzt aber nur noch eine aus 2018 während gleich acht Ergebnisse aus 2019 nun in den Top 20 stehen. Die Jahresweltbestenliste wird von Kenenisa Bekele (Äthiopien) angeführt, der bei seinem Sensations-Comeback in Berlin mit einer Zeit von 2:01:41 Stunden den Weltrekord des Kenianers Eliud Kipchoge um nur zwei Sekunden verpasste. Berlin hat die schnellste Männer-Zeit des Jahres sozusagen im Dauer-Abonnement: Bereits zum neunten Mal in Folge - seit Patrick Makau (Kenia) 2011 - wurde die Jahresweltbestzeit in Berlin gelaufen.

Hinzu kommt dann natürlich noch der atemberaubende Lauf von Eliud Kipchoge: In Wien blieb er im Oktober mit 1:59:40,2 unter zwei Stunden. Zwar kann die Zeit aufgrund der irregulären Rahmenbedingungen nicht in die Bestenlisten aufgenommen werden, doch Eliud Kipchoge hat gezeigt, wohin es in den nächsten Jahren für die besten Marathonläufer der Welt gehen wird.

Die Frauen standen den Männern 2019 kaum nach: Nur einen Tag nach der Fabelzeit von Eliud Kipchoge im Wiener Prater brach Brigid Kosgei in Chicago den 16 Jahre alten Weltrekord von Paula Radcliffe (Großbritannien), die 2003 in London 2:15:25 Stunden gelaufen war. Die Kenianerin stürmte nun in Chicago zu einer Zeit von 2:14:04. Es war eine von drei Zeiten unter 2:18 Stunden im vergangenen Jahr, fünf weitere Athletinnen rannten schneller als 2:19. Insgesamt gab es 2019 gleich 13 Zeiten unter 2:20. Ein so starkes Jahr gab es im Frauen-Marathon noch nicht. Derart fulminant ist die Entwicklung bei den Frauen, dass eine Siegzeit im Bereich von 2:21 Stunden inzwischen bezüglich der internationalen Spitze nichts besonderes mehr darstellt. Von den 20 schnellsten je gelaufenen Zeiten wurden sieben 2019 erzielt.

In einem Jahr vor Olympischen Spielen und in den Monaten vor diesem Highlight nimmt die Leistungsdichte in der Spitze zu. Das bestätigt sich zurzeit eindrucksvoll im Marathon. Die Athleten kämpfen um die Olympia-Startplätze, nachdem die Zugangs-Kriterien verschärft wurden.

Einen Aufwärtstrend gab es 2019 auch bei den deutschen Marathonläufern. Die Männer erzielten in den vergangenen zwölf Monaten vier Zeiten unter 2:15 Stunden - im Jahr zuvor waren es noch zwei. Mit Amanal Petros (TV Wattenscheid) führt dabei überraschend ein Newcomer mit einer Zeit von 2:10:29 die nationale Jahresbestenliste an. Neben ihm haben auch zwei deutsche Frauen die internationale Olympia-Norm geknackt: Melat Kejeta (Laufteam Kassel) lief in Berlin ein famoses Debüt und setzte sich mit 2:23:57 auf Platz zwei in der Liste der schnellsten deutschen Läuferin aller Zeiten, Katharina Steinruck (Eintracht Frankfurt) steigerte sich in Frankfurt auf 2:27:26.

Männer-Marathon: Regulärer Lauf unter zwei Stunden wird realistischer

Mit seinem Sieg beim London-Marathon in der Streckenrekordzeit von 2:02:37 Stunden - zum damaligen Zeitpunkt die zweitschnellste je gelaufene Zeit - sowie seinem Rennen unter zwei Stunden in Wien hat Eliud Kipchoge seine Position als bester Marathonläufer der Welt einmal mehr eindrucksvoll bestätigt. Seit 2014 hat der Kenianer alle seine Marathonrennen gewonnen.

Doch der Mann, der das Vermögen hat, genauso schnell oder sogar schneller zu laufen als Kipchoge hat sich ein Jahr vor den Olympischen Spielen zurückgemeldet: Äthiopiens 5.000- und 10.000-m-Weltrekordler Kenenisa Bekele verpasste beim Berlin-Marathon mit einer Zeit von 2:01:41 die Bestzeit von Eliud Kipchoge um ärgerliche zwei Sekunden. Noch vor einem Jahr galt Kipchoges Weltrekord als praktisch unerreichbar für andere Läufer. Zwölf Monate später sieht es anders aus, und sogar ein regulärer Lauf von unter zwei Stunden wird immer realistischer - auch vor dem Hintergrund, dass neuestes Schuhmaterial offenbar Vorteile bringen kann.

Hinter Eliud Kipchoge und Kenenisa Bekele bewegen sich in der Jahresweltbestenliste gleich sieben Äthiopier, die Zeiten von unter 2:04 und in zwei Fällen sogar unter 2:03 gelaufen sind. Das zeigt, dass die Breite in der absoluten Spitze immer stärker wird - zu stark unter anderem für den Briten Mo Farah. Der Olympiasieger über 5.000 und 10.000 m wird 2020 zu den Bahn-Langstrecken zurückkehren, nachdem er den Anschluss an die absolute Weltspitze im Marathon nicht geschafft hat. Im Dezember hat Farah dann auch noch seinen Europarekord an den aus Kenia stammenden Türken Kaan Kigen Özbilen verloren, der in Valencia 2:04:16 gelaufen war.

Ob es in Sapporo, wo die Olympia-Marathonrennen im Sommer stattfinden, zum Top-Duell Kipchoge gegen Bekele kommt, ist jedoch ungewiss. Es spricht viel dafür, dass der Kenianer sein Olympia-Gold in Japan verteidigen will. Er ist der große Favorit. Bekele könnte durchaus einen anderen Weg gehen, wenn er keine gute Siegchance beim Olympia-Marathon sieht: Der Äthiopier könnte stattdessen den Berlin-Marathon laufen und dort versuchen, den Weltrekord zu brechen. Vielleicht treffen Kipchoge und Bekele auch in London im Frühjahr aufeinander.

Berlin, London, Dubai - das sind die drei Rennen, die bei den Männern nach wie vor die spektakulärsten Zeiten und Rennen produzieren. Stark im Kommen ist Valencia, wo es im Dezember vier Zeiten unter 2:05 Stunden gab. In der Liste der schnellsten zehn City-Marathonrennen, die nach wie vor von Berlin angeführt wird, hält sich mit Frankfurt (8. Platz) weiterhin ein zweites deutsches Rennen.

Deutsche Situation: Ausblick besser als Rückblick

Es war noch nicht der klare Schritt nach vorne, den die deutschen Marathonläufer 2019 machten. Die Bilanz sieht erwartungsgemäß besser aus als noch vor einem Jahr, was aber hauptsächlich an zwei Ergebnissen zum Jahresende liegt: Amanal Petros (TV Wattenscheid) rannte ein unerwartet starkes Marathon-Debüt in Valencia und blieb mit 2:10:29 Stunden auf Anhieb klar unter der internationalen Olympia-Norm von 2:11:30. Arne Gabius (Therapie Reha Bottwartal) schlug sich zuvor auf der schweren New Yorker Strecke achtbar und verpasste als Elfter in 2:12:57 um nur einen Rang die Olympia-Qualifikation, die auch über eine entsprechende Platzierung bei den hochklassigen internationalen City-Marathonrennen möglich ist.

Zwei Läufer, die in den Bereich der Norm hätten kommen können, hatten im zweiten Halbjahr Pech: Tom Gröschel (TC Niko Rostock) fiel nach seinem Sieg in Düsseldorf verletzt aus und Hendrik Pfeiffer (TV Wattenscheid) hatte in Köln schlechte Voraussetzungen bei der Jagd auf die 2:11:30 Stunden. Er gewann das Rennen konkurrenzlos in 2:15:19. Die Leistung ihres Trainingspartners Amanal Petros dürfte ihnen aber Mut machen für den Frühjahrs-Marathon. Gröschel und Pfeiffer ist es neben Routinier Arne Gabius am ehesten zuzutrauen, die Norm noch zu unterbieten. Es gibt aber noch einige andere, die überraschen könnten - zum Beispiel Homiyu Tesfaye (Eintracht Frankfurt), der bei seinem Debüt in Frankfurt eingebrochen war. So ist der Ausblick bei den deutschen Männern für 2020 durchaus hoffnungsvoll, zumal nach Olympia wohl auch Richard Ringer (LC Rehlingen) sein Marathon-Debüt laufen wird.

Wenn die Olympia-Norm jedoch nur knapp unterboten wird, könnte dies am Ende eventuell nicht reichen. Denn die Starterzahl wurde für den Olympia-Marathon auf 80 Läufer limitiert.

Frauen-Marathon: Brigid Kosgeis Weltrekord, einmalige Resultate in Dubai und Valencia

Der Jahresbeginn und das Jahresende lieferten jeweils spektakuläre Ergebnisse, und im Herbst sorgte Brigid Kosgei mit ihrem Weltrekord in Chicago für das Highlight. Der Frauen-Marathon hat sich in den letzten Jahren enorm entwickelt und bestätigte diesen Trend 2019 eindrucksvoll.

Brigid Kosgei hatte im Frühjahr bereits in eindrucksvoller Manier den London-Marathon mit 2:18:20 Stunden gewonnen. In Chicago stürmte sie dann im Oktober zur Traumzeit von 2:14:04 und durchbrach die Zeitbarriere von 2:15 Stunden. Doch mit Blick in Richtung Olympia hat Kosgei durchaus sehr starke Konkurrenz: Ihre Landsfrau Ruth Chepngetich steht ihr kaum nach. Noch relativ neu im Marathon triumphierte Chepngetich im Januar in Dubai mit 2:17:08. Dann zeigte sie, dass sie auch ein heißes Meisterschaftsrennen ohne Tempomacher souverän gestalten kann: In Doha gewann Chepngetich überlegen den WM-Titel. Ein Aufeinandertreffen dieser beiden Läuferinnen im Jahr 2020 - dazu könnte es vor Olympia vielleicht auch schon in London im April kommen - könnte sehr spannend werden.

In Dubai blieb hinter Ruth Chepngetich mit Worknesh Degefa (Äthiopien/2:17:41) eine zweite Läuferin unter 2:18 Stunden - das gab es zuvor nur einmal in London 2017. Am Jahresende sorgte  das aufstrebende Rennen in Valencia für eine einmalige Breite in der Spitze: Gleich vier Läuferinnen rannten Zeiten von unter 2:19 Stunden. Die Äthiopierin Roza Dereje gewann in 2:18:30.

London, Chicago, Dubai und Berlin sowie inzwischen auch Valencia sind die Rennen, die spitzensportlich zurzeit ganz vorne sind. Sie belegen in dieser Reihenfolge auch die ersten Plätze in der Liste der schnellsten City-Rennen bei den Frauen. Wie bei den Männern steht Frankfurt, wo die Kenianerin Valary Jemeli Aiyabei den Streckenrekord erstmals auf unter 2:20 Stunden verbesserte (2:19:10), auf Rang acht.

Deutsche Situation: Spannender Kampf um das dritte Olympia-Ticket

Nach einem schwachen Jahr 2018 sah es 2019 auch bei den Frauen wieder etwas besser aus. Trotzdem sind es aber nur zwei Athletinnen, die ein Jahr vor den Olympischen Spielen Zeiten unter 2:30 Stunden sowie die internationale Olympia-Norm von 2:29:30 unterboten haben. Melat Kejeta (Laufteam Kassel) erhielt im Frühjahr die deutsche Staatsbürgerschaft und lief beim Berlin-Marathon ein hervorragendes Debüt. Mit 2:23:57 ist sie die schnellste Zeit einer deutschen Läuferin seit 2011 gelaufen. Damals hatte Irina Mikitenko in Berlin 2:22:18 erreicht. Melat Kejeta steht in der europäischen Jahresbestenliste auf Rang drei und kann sich sicherlich noch steigern.

Katharina Steinruck (Eintracht Frankfurt) verbesserte sich in Frankfurt auf 2:27:26. Vielleicht gelingt ihr in Osaka am 26. Januar eine weitere Steigerung. Dass dann noch zwei andere deutsche Läuferinnen im Frühjahr schneller laufen als die Tochter der früheren Weltklasseläuferin Katrin Dörre-Heinig ist eher unwahrscheinlich.

Eine Reihe von Läuferinnen konnten aus unterschiedlichen Gründen 2019 nicht ihr Potenzial zeigen: Anja Scherl (LG Telis Finanz Regensburg), Anna und Lisa Hahner (SCC Events Pro Team Berlin), Fabienne Königstein (MTG Mannheim) sowie Laura Hottenrott (TV Wattenscheid). Zählt man noch Deborah Schöneborn (LG Nord Berlin) hinzu, die bei ihrem Debüt in Köln mit 2:31:18 überzeugte, dürfte es diese Gruppe sein, aus der sich noch eine Läuferin für Olympia qualifizieren sollte. Vielleicht meldet sich aber auch Fate Tola (Hannover Athletics) nach ihrer Schwangerschaft rechtzeitig zurück. Es wird sicherlich ein sehr spannendes Marathon-Frühjahr.

Ausgewählte Marathon-Highlights 2020

24. Januar                  Dubai

1. März                       Tokio

5. April                        Rotterdam,  Paris   

19. April                      Hamburg,  Wien

20. April                      Boston

26. April                      London, Hannover, Düsseldorf

8. August                    Olympische Spiele, Frauen in Sapporo

9. August                    Olympische Spiele, Männer in Sapporo

27. September           Berlin

11. Oktober                Chicago

18. Oktober                Amsterdam

25. Oktober                Frankfurt

1. November              New York

8. November              Athen

6. Dezember              Valencia

 

Text: race-news-service.com