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Aufschwung im Männer-Marathon durch Corona-Krise auf Eis gelegt

Die Situation an der Spitze des deutschen Männer-Marathonlaufes war so erfreulich wie schon lange nicht mehr - bis die Coronavirus-Krise im März alles auf Eis legte. Der deutliche Aufschwung in der Breite der Spitze hatte sich zu Anfang des vermeintlich olympischen Jahres eindrucksvoll fortgesetzt. Mit 2:10:18 Stunden wurde Hendrik Pfeiffer im Februar zum zweitschnellsten deutschen Marathonläufer seit der Jahrtausendwende hinter dem nationalen Rekordhalter Arne Gabius (2:08:33). Im Dezember war Amanal Petros zuvor mit 2:10:29 ein für deutsche Verhältnisse sensationelles Debüt über die 42,195 km gelaufen. Damit hatten zwei deutsche Läufer die Olympia-Norm deutlich unterboten. Und weitere Athleten schienen vor den geplanten Starts im April auf dem Sprung in Richtung Norm von 2:11:30 Stunden.

Arne Gabius überzeugte beim New York-Marathon im November und sammelte für die undurchsichtige Weltrangliste, die bei der Startplatz-Vergabe für den Olympia-Marathon eigentlich berücksichtigt werden soll, so viele Punkte wie kein anderer deutscher Läufer. Foto: www.photorun.net

Wohl niemand hätte vor einem Jahr einen derartigen Leistungssprung im nationalen Männer-Marathon vermutet. Es ist 30 Jahre her, dass zuletzt zwei deutsche Läufer Zeiten von unter 2:11 Stunden binnen eines Kalenderjahres erreichten: 1990 lief Jörg Peter beim Berlin-Marathon 2:09:23, und Stephan Freigang kam im gleichen Rennen auf 2:09:49. Diese Leistungen waren damals international so stark, dass Peter am Jahresende Platz vier und Freigang Rang acht in der Jahresweltrangliste belegten.

Die internationale Marathon-Spitze hat sich seitdem allerdings enorm entwickelt, während das Gegenteil über viele Jahre bei den deutschen Läufern der Fall war. So ist die internationale Spitze jetzt sehr weit weg. Während man die deutschen Zeiten realistisch einordnen muss, ist der Aufwärtstrend dennoch erfreulich.

Anfang März deutete einiges darauf hin, dass bei einem olympischen Marathonlauf erstmals in diesem Jahrtausend sogar drei deutsche Männer am Start stehen könnten. Hendrik Pfeiffer (TV Wattenscheid) hatte durch sein starkes Rennen in Sevilla mit 2:10:18 Stunden seine Startnummer quasi gebucht. Gleiches hätte auch für seinen Wattenscheider Trainingspartner Amanal Petros gegolten. Doch er wollte zunächst versuchen, sich über 10.000 m für Olympia zu qualifizieren. „Am liebsten würde ich über 10.000 Meter in Tokio laufen. Wenn das nicht klappt, dann starte ich im Marathon. Die Hauptsache ist, bei den Olympischen Spielen zu laufen“, sagte Amanal Petros.

Es wären also vor den April-Marathonrennen noch ein oder zwei Startplätze für deutsche Läufer offen gewesen. Da das olympische Marathon-Feld von zuletzt 155 auf nun nur noch 80 Starter verkleinert wurde und bereits über 90 Läufer die internationale Norm von 2:11:30 Stunden unterboten haben, wäre wohl eine Zeit von ungefähr 2:10:30 bis 2:11:00 nötig gewesen, um unter den Top 80 zu sein.

Nach einem überzeugenden Rennen als Elfter auf der schweren Strecke des New York-Marathons im vergangenen November wäre Arne Gabius (Therapie Reha Bottwartal) der erste Anwärter gewesen auf einen weiteren deutschen Platz im olympischen Rennen. In der undurchsichtigen Weltrangliste des internationalen Leichtathletik-Verbandes World Athletics, die für die Nominierung auch zählen soll, ist Arne Gabius zurzeit der beste deutsche Marathonläufer. Er wollte im April zudem die internationale Norm unterbieten. „Zeiten von unter 2:10 zu laufen, das ist kein Hexenwerk“, hatte Arne Gabius noch Anfang März gesagt und für seinen geplanten Start beim Vienna City Marathon angekündigt: „Mein Ziel wird es sein, eine Zeit um 2:10 herum zu erreichen.“

Tom Gröschel (TC Fiko Rostock) konnte man ebenfalls zutrauen, die Olympia-Norm zu unterbieten. Nach einer verletzungsbedingten Pause im zweiten Halbjahr 2019 schien er bereit für eine deutliche Steigerung auf der flachen Strecke in Hannover. Für ihn sprach auch seine Trainingsgruppe: Er trainiert unter anderen mit Hendrik Pfeiffer und Amanal Petros.

Auf dem richtigen Weg war offenbar auch Philipp Pflieger (LT Haspa Marathon Hamburg), der in Hamburg starten wollte. Nach einem Trainerwechsel zeigte er in Barcelona, dass seine Leistungskurve wieder deutlich nach oben führte: Mit 62:50 Minuten lief Philipp Pflieger erstmals einen Halbmarathon unter 63 Minuten. Die Marathon-Olympianorm war damit wieder ein realistisches Ziel.

Bei dem Halbmarathon in Spanien, bei dem eine große Zahl von deutschen Topathleten startete, zeigte sich, dass eine Reihe von weiteren Athleten gutes Potenzial für die Straßen-Langstrecken haben und auch im Marathon eine Rolle spielen könnten. Im Februar erreichten acht Läufer  Zeiten von 62:18 bis 63:29. Das ist eine einmalige Breite im deutschen Halbmarathonlauf. Kurioserweise wurden alle diese Zeiten an einem Tag erzielt.

Topzeiten der deutschen Marathonläufer in der Olympia-Qualifikationsphase

Die Qualifikationsphase lief von Januar 2019 und wurde dann in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie von April bis Ende November ausgesetzt. Sie soll im Dezember fortgesetzt werden und läuft dann bis Ende Mai 2021.

2:10:18 *         Hendrik Pfeiffer        TV Wattenscheid                  Sevilla            23.2.2020

2:10:29 *         Amanal Petros          TV Wattenscheid                  Valencia         1.12.2019

2:12:57           Arne Gabius                Therapie Reha Bottwartal  New York       3.11.2019

2:13:49 *         Tom Gröschel          T C Fiko Rostock                   Düsseldorf     28.4.2019

2:14:29           Gabius (2)                                                                  Hannover        7.4. 2019

2:14:54 *         Jens Nerkamp          Laufteam Kassel                  Berlin             29.9.2019

2:15:19           Pfeiffer (2)                                                                   Köln                13.10.2019

2:16:09 *         Simon Stützel           LG Region Karlsruhe           Berlin             29.9.2019

 

* = persönliche Bestzeit

Die internationale Olympia-Norm steht bei 2:11:30 Stunden.

Die kursiv markierten Athleten wären im Frühjahr voraussichtlich einen Marathon gelaufen.

 

Topzeiten der deutschen Läufer im Halbmarathon 2020

62:18 *            Amanal Petros          TV Wattenscheid                              Barcelona      16.2.2020

62:31 *            Simon Boch              LG Telis Finanz Regensburg)         Barcelona      16.2.2020

62:34 *            Samuel Fitwi Sibhatu  LG Vulkaneifel                               Barcelona      16.2.2020

62:50 *            Philipp Pflieger         LT Haspa Marathon Hamburg     Barcelona      16.2.2020

63:19 *            Tobias Blum              LC Rehlingen                                        Barcelona      16.2.2020

63:25               Arne Gabius              Therapie Reha Bottwartal              Verona           16.2.2020

63:28 *            Konstantin Wedel     LG Telis Finanz Regensburg        Barcelona      16.2.2020

63:29 *            Simon Stützel           LG Region Karlsruhe                       Barcelona      16.2.2020

64:09 *            Tom Gröschel           TC Fiko Rostock                                Barcelona      16.2.2020

64:53 *            Steven Orlowski       LG Olympia Dortmund                    Barcelona      16.2.2020

* = persönliche Bestzeit

Text und Statistik: race-news-service.com