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Amanal Petros nach seinem Marathon-Coup: Freude in Valencia, Tränen um Tigray

Amanal Petros ist seit dem vergangenen Sonntag der neue deutsche Rekordhalter im Marathonlauf. Der 25-Jährige, der mit 16 Jahren aus Eritrea nach Deutschland geflüchtet war und für den TV Wattenscheid startet, unterbot in Valencia mit einer Zeit von 2:07:18 Stunden die fünf Jahre alte Bestmarke von Arne Gabius um 75 Sekunden. Das gelang ihm trotz einer äußerst belastenden Situation, denn er hat seit über einem Monat keinen Kontakt mehr zu seiner Familie herstellen können, die in der äthiopischen Tigray-Region zu Hause ist, wo zurzeit Kriegszustände herrschen. Amanal Petros gab das folgende Interview.

Amanal Petros ist die neue deutsche Nummer eins im Marathon. Foto: www.photorun.net

Wie geht es Ihnen zwei Tage nach dem deutschen Marathonrekord?

Amanal Petros: Im Augenblick fühle ich mich richtig alt. Meine Beinmuskulatur ist komplett fest, laufen ist schwierig. Ich werde in zwei Tagen zunächst anfangen, etwas Fahrrad zu fahren und vielleicht auch etwas Basketball spielen. Ich bin sehr erleichtert, dass ich unter diesen Umständen eine solche Leistung zeigen konnte und bin immer noch sprachlos, dass ich sogar den deutschen Rekord gebrochen habe. Ich möchte mich ausdrücklich bei allen bedanken, die mich in dieser schwierigen Situation unterstützt haben: mein Trainer Tono Kirschbaum, meine Trainingspartner, der Deutsche Leichtathletik-Verband und die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Sie alle haben einen Anteil an meinem deutschen Rekord.

Sie haben schon gesagt, dass Sie bei den Olympischen Spielen jetzt auf den Marathon setzen und nicht mehr auf die 10.000-m-Strecke. Wie wird der nächste Abschnitt auf dem Weg zum Olympia-Marathon aussehen?

Amanal Petros: Ich plane, Anfang Januar wieder zurück nach Iten in Kenia ins Höhentrainingslager zu fahren. Dort würde ich gerne bis Mitte Februar bleiben und dann direkt nach Ras Al Khaimah in die Vereinigten Arabischen Emiraten fahren, um dort am 19. Februar den Halbmarathon zu laufen. Wenn es möglich ist, würde ich dann im Frühjahr über kürzere Distanzen auf der Straße starten.

In Ras Al Khaimah ist die Strecke sehr schnell, dort werden immer wieder absolute Weltklassezeiten gelaufen. Der deutsche Rekord von Carsten Eich steht bei 60:34 Minuten. Diese Zeit könnte aufgrund Ihrer Marathon-Leistung jetzt erreichbar sein.

Amanal Petros: Ja, das habe ich mir auch schon ausgerechnet. Ich denke, eine Zeit im Bereich von etwa 60:30 Minuten könnte möglich sein. Aber ich muss das natürlich erst einmal laufen. Und zunächst muss ich sehen, wie ich in Kenia in Form komme. Mein Ziel ist es dort, wöchentlich bis zu 200 Trainingskilometer zu laufen. Aber es wird ein allgemeiner Formaufbau sein, auch im Hinblick auf kürzere Strecken.

Werden Sie sich zukünftig voll auf den Straßenlauf konzentrieren und keine oder nur sehr wenige Bahnrennen mehr laufen?

Amanal Petros: Ich denke, ich werde jetzt hauptsächlich auf der Straße bleiben. Die Saisonhöhepunkte werden in der Zukunft sicherlich Straßen-Wettkämpfe sein. Das heißt aber nicht, dass ich gar keine Rennen mehr auf der Bahn laufen werde. Denn ich möchte gerne meine Bestzeiten von 3.000 bis 10.000 Metern verbessern. Wenn ich auf der Bahn antrete, wird es mir um die Zeit gehen und diese Rennen werde ich voraussichtlich aus dem Marathontraining heraus laufen.

Was trauen Sie sich im Marathon in der Zukunft zu bezogen auf die Zeit, nachdem Sie in Valencia lange schon ein 2:06-Tempo gelaufen sind? Gibt es eine Traumzeit oder ein Traumziel?

Amanal Petros: Meinen nächsten Marathon werde ich nach dem jetzigen Stand erst bei den Olympischen Spielen im nächsten Sommer laufen. Dort geht es natürlich nicht um die Zeit. Der nächste Schritt wäre jetzt sicherlich ein Ergebnis unter 2:07 Stunden. Der große Traum, das war eigentlich immer der deutsche Marathon-Rekord. Dass ich den jetzt schon gebrochen habe, muss ich erst einmal richtig realisieren.

Sie sind in Valencia unter einer enormen psychischen Belastung gelaufen. Von der Kriegssituation in der Tigray-Region im Norden Äthiopiens ist Ihre Familie betroffen.

Amanal Petros: Es ist sehr traurig, was zurzeit in Äthiopien passiert. Als ich zwei Jahre alt war, ist meine Mutter mit mir aus Eritrea in die äthiopische Tigray-Region geflüchtet. Jetzt ist in meiner Heimat seit gut einem Monat Krieg und ich hatte zuletzt vor fünf Wochen Kontakt zu meiner Familie. Meine Mutter lebt mit meinen beiden Schwestern, die 21 und 23 Jahre alt sind, in einem Dorf rund 42 Kilometer von Mekele entfernt. Die Stadt ist das Hauptziel der Militärangriffe durch die äthiopische Regierung. Normalerweise kommuniziere ich mit meiner Familie telefonisch über das Internet und über Facebook. Aber diese Verbindungen wurden alle gekappt, ich erreiche sie seit fünf Wochen nicht mehr und weiß nicht wie es ihnen geht. Tigray wurde abgeriegelt, man darf auch nicht mehr hinfliegen oder -fahren.

Der äthiopische Präsident Abiy Ahmed, der 2019 noch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden war, nachdem er unter anderem die Krisensituation mit Eritrea befriedete, reagierte, so berichten internationale Medien, auf Kämpfe und ein Massaker in der Tigray-Region indem er das Militär einsetzte und internationale Vermittlungsangebote ablehnte. Wie sehen Sie das?

Amanal Petros: Ich war am Anfang ein Unterstützer dieses Präsidenten und habe seine Handlungen begrüßt. Es ist mir völlig unverständlich, wie er sich als Nobelpreisträger derart wandeln konnte. In meinen Augen ist er zu einem Diktator geworden. Er muss den Tod unschuldiger Menschen verantworten. Selbst Kinder sind in der Schule durch die Militäreinsätze gestorben. Er hat viele Menschen verhaften lassen. Mehr als 60-tausend sind nach Sudan geflüchtet. Dabei wurden auf der Flucht viele junge Frauen vergewaltigt. Diese Situation macht mich fertig und ich konnte mich eigentlich fast gar nicht auf das Rennen in Valencia konzentrieren.

Haben Sie in Valencia mit äthiopischen Läufern gesprochen? Die 5.000-m-Weltrekordlerin Letesenbet Gidey wollte ihr Halbmarathon-Debüt laufen, konnte aber nicht starten …

Amanal Petros: Ja, Letesenbet kommt aus der Tigray-Region, sie haben sie nicht ausreisen lassen. Das ist unglaublich und zeigt wie ernst die Situation ist. Dem Ausland gegenüber, auch der EU, erzählt der Präsident, dass er die Zivilbevölkerung nicht angreift. Aber er hat sogar Lebensmittel-Fabriken und Kirchen bombardieren lassen, weil er dort Widerstandskämpfer vermutete.

Kann es sein, dass Sie es geschafft haben, beim Valencia-Marathon Ihre Hilflosigkeit gepaart mit einer Portion Wut bezüglich der Situation in Stärke umzuwandeln?

Amanal Petros: Ich wollte sehr mutig laufen, bis zum Ende kämpfen und an meine Mitmenschen in Tigray denken, die ohne Grund gestorben sind oder flüchten mussten. Ich hatte tatsächlich noch mehr Willen bei diesem Rennen, weil ich ständig an die Situation gedacht habe.

Text: race-news-service.com